Freitag, 5. November 2010

Todos santos - Allerheiligen in Sucre

Freitagnachmittag. Wir kommen zurueck von der Tour. Im Innenhoefli des Hostals versuchen die Doña und die Putzgehilfin gerade, den mobilen Gasofen anzufachen. Schon bald riecht's nach frischem Gebaeck. Wir denken: Advent Ende Oktober? Weit gefehlt. Vorbereitung fuer Allerheiligen. Hier das Familienfest, gefeiert ueber 3 Tage. (Am 1. November besuchen die Leute traditionellerweise den Friedhof, am 2. findet das Fest in der Familie statt und am 3. wird der Gabentempel geraeumt und die Resten gegessen.) Doña holt verschiedene Plastikbecken herbei. Blech um Blech schiebt sie in den rauschenden Ofen, setzt sich zwischendurch hin und schaut den Guezli zu, wie sie langsam die richtige Farbe bekommen. Wir stapfen an Doña vorbei, zum Gemeinschaftsbad, um uns den verbliebenen Staub, Schweiss und die Sonnencreme der letzten 3 Tage abzuduschen. "Wollt ihr probieren?", fragt Doña. Mmmmmm...



Samstagabend. Doña sitzt erneut vor dem Ofen als wir aus der Stadt zurueck kommen. Jetzt sind Bleche voller ueberdimensionaler "Gritibaenzen" im Ofen. Wir oeffnen die Zimmertuer und das Fenster. Sofort riecht auch unser Zimmer nach Backstube.

Dienstag, 2. November. Sucre scheint geradezu ausgestorben. Wir treffen uns am Morgen mit auslaendischen Volontaeren, die hier eine Art Auffangstaette fuer Kinder betreiben. Kinder, die groesstenteils vom Land kommen. Sie arbeiten in der Stadt als Schuhputzer, Autowaescher oder verkaufen Suessigkeiten auf der Strasse. Mit dem Geld finanzieren sie sich die Schule. Manche koennen gar zuhause etwas abgeben. Zurueck zu den Volontaeren. Sie zeigen uns zusammen mit einheimischen jungen Maennern ihre Stadt. Aus ihrem Blickwinkel. Angefangen auf dem Markt.



Oben: beliebtes Dessert - gesuesste und gefaerbte Gelatine, schmeckt scheusslich ;-)
Unten: Chicha - einheimisches selbstgebrautes Maisbier

Weiter geht's zum Friedhof. Normalerweise arbeiten etwa 25 Kinder hier. In diesen Tagen sind es 150-200. Es gibt viel zu tun. Denn an Allerheiligen sollen die Graeber der verstorbenen Angehoerigen besonders schoen hergerichtet (mit Blumen, Kraenzen, Girlanden und Gebaeck) und geputzt sein. Fuer ein Entgelt helfen da die "niños" aus. Andere Dienste bieten Erwachsene an: Blinde beten fuer die verstorbenen Angehoerigen der zahlenden Kundschaft. Musiker spielen und singen auf Wunsch vor den Graebern.




Zum Abschluss fahren wir in ein Aussenquartier Sucres. Wir sind eingeladen an eine Familienfeier. Am Eingang wartet ein Ritual auf uns, das wir als Gaeste nicht umgehen duerfen: Chicha (gesuesstes Maisbier) aus einer Ananas trinken. Zuerst aber - wie es die Regel beim Alkoholtrinken vorschreibt - ein bisschen auf den Boden leeren als Gabe an Pachamama (Mutter Erde). Dann eine 2. Runde mit Hochprozentigem. Jetzt geht's in einen Raum, wo eine Art Gabentempel fuer den Verstorbenen aufgebaut ist. Zeichungen, ein Foto, haufenweise Gebaeck, Getraenke, Suessigkeiten, Suppe, Pasta ,... Dinge, die der Verstorbene gerne hatte. Wir setzen uns und essen Mondongo (das typische Allerheiligen-Essen in Sucre: ein Kartoffel-Mais-Fleischgericht an scharfer Tomatensauce). Immer wieder kommt jemand vorbei mit einem Plastikkuebel voller Chicha oder Hochprozentigem. Wir brechen mit der Tradition. Denn wir wollen ja bei Sinnen bleiben und wer weiss, wie gut unsere Maegen die milchigbraune Bruehe vertragen? ;-) Die Gastgeber nehmen es uns nicht uebel. Unzaehlige Leute kommen, essen, trinken, beten vor dem Gabentempel, gehen. Je mehr Leute kommen, um dem Verstorbenen die Ehre zu erweisen, desto besser. So das Prinzip an Allerheiligen.

Mitte Nachmittag verabschieden wir uns und fahren zurueck ins Zentrum. Im Rucksack ein Saeckchen voller verschiedener Broetchen, die jeder, der fuer den Verstorbenen betet, von der Familie mitbekommt. Am Abend gehen wir zur Ecke am Hauptplatz. Dorthin, wo die alte Frau jeweils bettelt. Auch heute sitzt sie da, streckt uns schon von weitem ihren Hut entgegen. Wir legen das Saeckchen hinein. Sie verdankt es mit einem Lachen, glaenzenden Augen und einem feuchten Handkuss. Auch wenn sie nichts hat, die Oma. Stil hat sie - und wohl ein grosses Herz. Allerheiligen in Bolivien.

2 Kommentare:

  1. Oh wow... ich glaub die Oma hat uns auch einen Handkuss gegeben...In Sucre konnten wir nämlich nicht anders und kauften den armen, meist alten Leuten Brot oder andere Sachen und gaben sie ihnen...Nie in ganz Südamerika hab ich so viele Bettler gesehen wie in Sucre!!!

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  2. @Ali: Wie Recht du hast. Manchmal ist's auch beengend. Dann, wenn du in einem Laden stehst oder in einem Restaurant sitzest, ein Bettler rein kommt und dich x-mal um eine Gabe bittet und nicht nachlaesst, stehen bleibt, bis er etwas bekommt. Oder du ihm ebenso oft zu verstehen gibst, dass er diesmal nichts bekommt...

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